Hässlicher wohnen (Brutalismus)

Der sogenannte Brutalismus erregt fast alle Gemüter. Für die einen schlichtweg eine Bausünde in Serie, für andere der Bautrend der Stunde

Architektur brutal

Über Geschmack lässt sich streiten? Wahrscheinlich ist selbst das eine Geschmacksfrage. Zumindest stehen sich die Fronten beim Architekturstil Brutalismus sehr unversöhnlich gegenüber. Für die einen sind die Rohbeton-Bauten ein unerträglich hässliches Überbleibsel aus den 60er und 70er Jahren. Für die anderen ist ein origineller Baustil, der seine eigene Würde und Originalität, ja Schönheit, hat.

Eigentlich ist es ein Streit zwischen Fachleuten, in den sich Prinz Charles schon vor Jahren einmischte. Diese Grobian-Architektur wirke “wie eine Eiterbeule im Gesicht eines Freunds”. Doch mittlerweile hat sich im Internet eine verschworene Gemeinschaft gebildet, mit dem unverbrüchlichen Willen, das Hässliche schönzureden. Allein die “Brutalism Appreciation Society” zählt auf Facebook 40.000 engagierte Mitglieder. Ebenfalls erfolgreich ist “SOSBrutalism”.

Aus Liebe zu Bunkern

Mitvertreterin war bis zu ihrem Tod die preisgekrönte Architektin Zaha Hadid. Sie nannte manche Brutalismus-Werke “kostbare Denkmäler”. Aber Denkmäler für was? Für sich selbst?Die meisten Gemeinden würden die Brutalo-Kunst lieber heute als morgen abreissen.

Denn die Gebäude sind meist so grob und unwirtlich dass der Betrachter automatisch an Bunker denken muss. Und warum hat man die Bunker-Häuser in dieser Art gebaut? Aus Liebe zu Bunkern? Nein, sie passten in die 60er und 70er Jahre, es ging allein um die preiswerte Funktion und nicht um auch nur den kleinsten Ansatz um das, was man Ästhetik nennen kann.

Das schert die Fans wenig. Denn sie sehen “Wahrhaftigkeit und Kompromisslosigkeit” walten. Auch wenn der Hang zum Monolithischen auch gut zu Orwells “1984” gepasst hätte. “Natürlich” und “ursprünglich” seien die Betonburgen. Manche Fans reden sogar von “skulpturaler Sinnlichkeit”.

Unglückliche Bewohner

Zur Verteidigung der Front für Hässlichkeit muss man allerdings anmerken, dass “Brutalismus” nicht von “brutal” kommt, sondern vom französischen “brut” oder “beton brut” = roh, ursprünglich, Sichtbeton. Das Lieblingsmaterial ist also Rohbeton, ungestrichen, unverputzt, mit massiven Strukturen.

Der Stil kam 1954 auf, als schnell Hochhäuser die letzten zerbombten Gebäude ersetzen mussten. Doch 70 bis 75 Prozent der Bewohner und viele Gemeinden wollen die Brutalo-Häuser lieber heute als morgen niederreißen.

Die unverbesserliche Brutalismus-Vertreterin und Architektin Alison Smithson nannte sogar ihren Mann liebevoll “Brutus”. Alison und Peter Smithson setzten mit der Hunstanton School (1949-54) in Norfolk die ersten Duftmarken.

Ganz offenbar ist der Brutalismus ein Baustil für Architekten, nicht für die Bewohner. In den 50er und 60er Jahre experimentierten die Architekten, suchten nach kompromissloser Präsentation von Konstruktionsart und Material. Sie wenden sich gegen eine sogenannte dekorativistische Architektur, wie sie eigentlich immer vor den Brutalisten gesucht wurde.

Latent abrissgefährdet

Wichtig war nur immer, die beschönigenden Bezeichnungen zu finden. Von einer “poetischen Redefinition baulicher Texturen” war da die Rede. “Elementar und archaisch” seien die Brutalismus-Gebäude. Eine regelrechte Poesie der Reduktion wurde gesucht, und offenbar der Charme eines Bunkers.

Schöne Worte hin oder her: Der Brutalismus-Bau ist latent abrissgefährdet. In wenigen Jahren segneten einige wichtige Werke das Zeitliche. Das Stage Theater in Oklahoma City und das A. Mechanic Theater in Baltimore sind nicht mehr, genau wie das Prentiss Women’s Hospital in Chicago. Öffentliche Bauten sind offenbar schneller abreissbar als private.

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